Habt Ihr Euch auch schon einmal dabei erwischt, dass Ihr Menschen am liebsten entweder auf den Mond schießen oder einfach nur wachrütteln könntet, weil sie alle neuen Gerichte, welche sich auf ihrem Teller einfinden, entweder sofort verweigern oder mit Ausdruck von Ekel versuchen und schließlich zur Seite schieben?
Diese Erfahrung habe ich im Herbst 2004 gemacht und war manches Mal kurz davor, an der Kleingeistigkeit meiner Mitmenschen zu verzweifeln. Ich nahm an einer Exkursion der Universität teil, die 18 Studenten, Studentinnen und mich in die Provence, in das kleine Städtchen Istres-en-Provence führte. Unsere Gruppe logierte in einer einfachen Herberge am Etang de Berre. Die Zimmer waren wie kleine Ferienappartments mit 4 Betten gestaltet und hatten einen Balkon, der zum See zeigte. Wunderbarer Ausblick und tatsächlich recht komfortabel. Dreimal täglich wurden wir von dem patron Monsieur Lambert verpflegt. Das Frühstück fiel typisch französisch aus – also nicht der Rede wert. Mittag- und Abendessen waren jeweils als dreigängige Menüs konzipiert, was an sich allein schon bemerkenswert ist.
Aber die Tatsache, dass nach französischer Art zweimal täglich ein Menü aufgefahren wurde, überforderte so machen deutschen Geist. Man könnte fast sagen, dass es für reichlich Zündstoff sorgte. Die Damen erregten sich darüber. Zudem ziemte es sich ihrer Meinung nach nicht, zweimal täglich Fleisch zu essen. Ach, wie schön, dass ich mir darüber eigentlich im Urlaub keine Gedanken mache. Urlaub ist nicht Alltag, und da könnte von mir aus fünfmal pro Tag ein Menü mit Fleisch aufgefahren werden. Auch o.k..
Aber nein, es war eben nicht ordnungsgemäß. Aber man regte sich nicht nur über die üppigen Menüs auf, es gab ja noch viele Dinge mehr, die es verdienten, bei Tisch lauthals kritisiert zu werden. Da war beispielweise das Steak nicht durchgebraten. Ohjeh! Es war à point. Wunderbares Fleisch von zarter Qualität und saftiger Konsistenz. Ich dachte, meine Ohren würden mich trügen, als eine Kommilitonin ganz selbstlos der Gruppe erklärte: “Wir sollten dem Küchenchef sagen, dass hier keiner blutiges Fleisch mag.” Nur noch eine einzige weitere Seele schloss sich mir an, als ich bemerkte, dass so durchgebratene Schuhsohlen einfach schrecklich seien, weshalb ich auf à point beim Rind Wert legen würde. Strafende Blicke von Mutter Gütig, die doch versucht hatte, sich für die gesamte Gruppe einzusetzen. Tja, das ging wohl in die Hose.
Es kam außerdem zum Eklat, als eines Tages gegrillte Makrelen im Ganzen serviert wurden. “Ihhhhhhhhhhhhh, Fisch – und dann noch ganz!!!!!! Da sieht man ja noch die Augen. Und der Mund!!! Wie ekelhaft.” Frische Ware, nicht zu lang und nicht zu kurz gegrillt. Ich weiß immer noch nicht, was die Damen eigentlich hatten. Meine Theorie: die kaufen nur abgepackte Sachen aus dem Supermarkt, was nicht mehr an das Tier erinnert. Und Fisch wird nur in Form von Fischstäbchen verzehrt. Prima.
Als eines Tages zur Vorspeise Artischocken mit Vinaigrette gereicht wurden, waren wieder 85% der Gruppe überfordert. “Wie soll ich das denn essen?” “Wie? Man muss die Blätter abzupfen und abkauen? Igitt!” “Nee, das esse ich lieber nicht…”
In solchen Momenten habe ich mich gefragt, weshalb ich mich mit einer Gruppenreise bestraft habe. Wo leben die Menschen eigentlich? Was essen sie überhaupt?
An einem Tag gab es dann Lasagne. Matschige und gar nicht gute Lasagne.
Stellt euch mal vor, was da an den Tischen los war! Man prügelte sich um die Pampe. Susanne, die die Tage lieber hungerte als was von dem französischen Essen zu probieren, schlug sich den Pansen voll. Mehrmals hatte ich schon neben ihr gesessen und war dadurch in ihren Genuss gekommen. Sie hatte die Angewohnheit, ihren Sitznachbarn über den Teller zu greifen, um an Brot oder Salz zu gelangen. Egal, ob man gerade dabei war, sich das Essen in den Mund zu schieben oder nicht. Sie fasste einfach über den Teller. Wenn ich daraufhin meinte, sie könne mich dann doch auch bitten, das Objekt der Begierde herüberzureichen, lief sie rot an und brummte irgendwas, das ich nicht verstehen konnte.
Wieder einmal saß ich neben Susanne. Es gab Gnocchi. Fröhlich schwang sie wie Gabelfix ihr Besteck, nachdem sie sich zunächst den unbekannten Klösschen misstrauisch genähert hatte. Langsam kam ich mir schon wie ein Schlaumeier vor, der seiner Umwelt die Dinge erklären müsse. Naja, jedenfalls erklärte ich, dass es sich um Gnocchi handele. Die seien übrigens nichts besonderes, selbst bei Lidl oder Aldi in Deutschland bekäme man diese Kartoffelklösschen im Kühlregal. Affarensis-Susanne glotzte ungläubig. Ach, das war köstlich. Die Situation musste ich weiter ausbauen… Daher lieferte ich noch eine Beschreibung von Kürbisgnocchi mit Salbei-Knoblauchbutter und bemerkte beiläufig, dass das einfach zu machen und fast schon billig sei. Susanne wagte es nicht mehr, über meinen Teller zu greifen.
Meine Frage am Ende der Exkursion war, ob das Essen in der Uni-Mensa derartig den menschlichen Geschmack negativ beeinflussen kann. Woher kommen bloß geschmackliche Kleingeistigkeit dieser Art? Diese Fragen werden unbeantwortet im Raum stehen bleiben. Ich werde mir jetzt lieber mal was zu Essen machen. In diesem Sinne – lasst es Euch schmecken.
P.S. Ferien in Istres-en-Provence solltet Ihr hier verbringen:
http://membres.lycos.fr/misenvi/page25.html
Gepflegte Zimmer mit Balkon und tollem Ausblick, ihr könnt auch selbst im Appartment kochen. Falls man dazu keine Lust hat, kann man prima in dem Restaurant der Anlage essen. Ist zwar nicht sehr gemütlich, aber das Essen ist gut und abwechslungsreich. Außerderm sind die Wirte, das Ehepaar Lambert, sehr nett. M. Lambert hat einen kleinen Olivenhain, aus dem auch Olivenöl gewonnen wird. Man kann das wunderbare Öl, nach dem man süchtig wird, bei ihm kaufen.
Mir laeuft das Wasser im Mund zusammen. Die Situation die du beschreibst ist mir aber nicht unbekannt. Ich war auch mal mit meiner Uni vor drei Wochen in Sued-Frankreich (geologische Kartierung). Gleiche Situation. Muss aber schon zugeben dass ich damals 3 oder 4 Kilo zugenommen habe. Was war der Anlass zu dieser Excursion?
Es tut gut zu lesen, dass auch andere Menschen solche “psychologisch diffizilen” Situationen bei Tisch im Midi gemacht haben!
Wir sind von der Romanistik der Uni Mannheim aus dort gewesen. Somit konnte man einen Schein in Französisch Landeskunde erwerben (anstelle eines Semesters im Seminarraum). Natürlich haben wir nicht nur gegessen. In den zwei Wochen haben wir mit Mietwagen fast 2000 km abgerissen, waren also viel unterwegs und haben Interviews mit allen möglichen Leuten der verschiedensten Einrichtungen geführt.
Je vois…. Hoert sich toll an der Ausflug. Nur was ich nicht verstehe, warum studiert man Romanistik wenn mann nur Lasagna Matsch mag? Liebe fuer Romanistik geht nicht durch den Magen? Wie kann mann eine andere Sprache und Kultur lernen und verstehen wollen, wenn mann nicht offen steht fuer neue Sachen?
Diese Fragen habe ich mir auch mehrmals gestellt, kam allerdings zu keiner Antwort. Interessant war auch, dass sich viele Französischstudis fürchteten, französisch mit Franzosen zu sprechen! Kategorie: selbstverschuldete Unmündigkeit. Aber das ist noch ein anderes Thema. Letztendlich hat mich gar nichts mehr verwundert…
Hallo liebe Autorin,
es ist schön und bemerkenswert, dass Sie Tischmanieren und kulinarische Glanzleistungen zu schätzen wissen. Eins müssen Sie aber doch zugeben: Ihre abfällige Äußerungen über Ihre Mitstudierenden passen nicht gerade zu einer angehenden diplomierten Romanistikerin. Wäre hier nicht eine distanziertere und weniger beleidigendere Betrachtung angebrachter? Denken Sie bitte in einer ruhigen Minute einmal darüber nach, vielleicht ja auch bei einem zarten Steak “Ã point”, dass Sie andernfalls sicherlich bald alleine genießen müßen.
Eh ben… je suis une mauvaise langue – et ici, ce n’est pas l’endroit pour cacher ce fait, n’est-ce pas?