Die Erfahrung der Subjektivität

  • May 7, 2005 11:03

Gestern wollten Martin und ich abends etwas essen gehen. Aber wohin? Ich konsultierte also unseren Mainzer Kneipenführer mit dem Wahnsinns-Titel “Wo die Nacht den Doppelkorn umarmt”. Die Wahl fiel schließlich auf ein Restaurant unter der Rubrik “deutsche Küche”. Wir fuhren in den Mainzer Hof in der Oppenheimerstrasse in Mainz-Laubenheim. Klang nämlich alles ganz nett und unkompliziert. Auch das Essen wurde nicht schlecht bewertet.

Von außen sieht das Restaurant sehr ansprechend aus: Gebäude im pfälzer Zinnsoldatenstil. Aber bei Betreten der vier Wände ändert sich alles auf einen Schlag. Es erwartete uns eine richtig fiese Einrichtung. Mein erster Gedanke war: Dorfpinte auf Fein getrimmt. Und tatsächlich. Um uns herum saßen die Laubenheimer Bauern, die ich als Nordlicht nicht annähernd verstehen konnte. Marke althochdeutsche Zaubersprüche.

Dann kam die Karte. Eine sehr große Auswahl. Griechisch-italienisch-deutsch. Also was nun? Ein sogenanntes “g.i.d.-Sortiment”. Von Wiener Schnitzel über Schnitzel Hawai (Loriot lässt grüßen – schmeckt’s?) zu Farfalle und Souflaki. Ich konnte meinen Freund gerade noch davor bewahren, ein Seezungenfilet für 12 Euro zu bestellen. Wir bestellten schließlich gebackenen Feta als gemeinsame Vorspeise, Rumpsteak mit Kräuterbutter (Martin) und einen gemischten Fleischteller auf dem ein Bifteki und ein Schweinespieß war.

Die Vorspeise war der erste Streich. Vorgefertigtes Gummi im Panademantel. Von Feta nichts zu merken. Der Kram war schnell aus dem TK-Großverbraucherbeutel in die Friteuse geworfen worden. Schmeckte ganz gemein. Wie Gummi. Ohne Geschmack und mit viel, sehr viel Panade. Langsam verschlechterte sich auch die Stimmung an unserem Tisch. Nach dem Motto: was ich Dir schon längst mal sagen wollte, aber Dir jetzt mal auf die Schuhe kotzen muss.

Mitten in den schönsten Tischgesprächen (“Wir sollten jetzt das Thema wechseln, da es ja eh keinen Zweck hat…”) wurden die Hauptgerichte aufgefahren. Berge von Pommes frites und Fleisch, was ja zu erwarten war. Bifteki war o.k. – das ist ja nun auch keine Kunst. Mein Schweinespieß war eine einzige Katastrophe: Fettes Fleisch, das schon überfällig war. Ich war sozusagen die Gelegenheit, das alte Fleisch noch schnell vor dem Mülleimer zu bewahren. Unglaublich. Aber auch Martins Rumpsteak hatte bereits dieses beißende Aroma, das eindeutig vom Alter der Ware abhängt. Mein Schwein blieb unberührt liegen.

Wie kann man nur als Koch so etwas verantworten? Ich kann mir das beim besten Willen nicht erklären. Da lobe ich mir doch die ganz ehrlichen Wirtshäuser, die nicht auf Fein getrimmt werden und nach wie vor nur eine Karte mit zehn Gerichten haben, die die Dorfbewohner schätzen und lieben. In solchen Lokalen ist die Qualität jedenfalls gut. Vergammeltes Fleisch findet sich dort nicht auf den Tellern.

Unsere Erfahrung im Mainzer Hof ist also sehr gegensätzlich zu unserem Restau-Führer ausgefallen:
Meidet dieses Restaurant. Qualitativ ein absolutes Desaster.

Braucht man E.W. in der Küche um glücklich zu sein?

  • May 6, 2005 11:03

Vor ein paar Wochen hörten Martin und ich Radio während des sonntäglichen Frühstücks. Es wurde ein Interview mit dem Synchronisator von Tom Hanks und Kevin Cline (u.a.) gesendet. Was für ein törichter Typ!!! Der Interviewte entpuppte sich nach und nach als ein ziemlich selbstverliebter Zeitgenosse. Ich fragte mich, ob das bei Schauspielern eigentlich dazugehören müsse.

Aber die Selbstbeweihräucherung gipfelte in dem Thema Kochen und Genießen. Die Bereiche wurden am Schluss des Gespräches von der Moderatorin angeschnitten. Zu der Zeit war Martin schon wieder vor seinem PC und ich saß auf dem Küchenboden, räumte die FAZ am Sonntag zusammen und blätterte durch meine Ausgaben der “Elle à table”.

Mein Freund, der selbstgefällige Synchronisator (ja, er wurde mir immer sympathischer…), bemerkte ganz beiläufig, dass er mit E.W. befreundet sei und dieser bei ihm schon mehrmals in der Küche gekocht habe. E.W.! Und dann auch noch so beiläufig, dass es wiederum mit Nachdruck von der Moderatorin aufgenommen wurde. Rhetorische List erster Güte. Ich sah diesen Menschen vor meinem geistigen Auge sitzen, die Augenbrauen ganz distingiert hochgezogen…. E.W..

“Ja,” bemerkte die Moderatorin, “Sie gelten ja als großer Genießer, Liebhaber der guten Küche.” Das war genau das Richtige um unseren Narziss in Wallung zu versetzen. Schließlich wurde für den kulinarischen Mob auch noch die mysteriöse Abkürzung E.W. entschlüsselt. Noch nie was von Eckhard Witzigmann gehört? Na, dann sind Sie wohl ein kulinarischer Neandertaler oder Gourmet-Krüppel! Nur wer über einem bestimmten Einkommen liegt, kann demnach ein wirklicher Freund der Genüsse sein… Tja, schade, dass der Synchronisator selbst nicht gerne kocht, vielleicht auch nur Spiegelei und Brot braten kann. Aber Eckhard wird das Kind schon schaukeln.

Können wir normalen Menschen dann überhaupt noch sagen, dass wir gutes Essen schätzen? Wird automatisch ein Speise gut sein, die von einem E.W. (hier als Paradigma aufzufassen, bitte!) ersonnen und zu Teller gebracht wird? Wir haben keine neo-aristokratische Küchenschabe am Herd stehen, wir müssen uns selbst etwas ausdenken, etwas Gutes und Feines. Haben wir dann eigentlich eine kulinarische Existenzberechtigung? Dürfen wir uns “Gourmet” nennen? Sind wir unglückliches Fußvolk?

Mal bei Eckhard sitzen und seine Kreationen verschlingen, mag ja ganz o.k. sein. Aber nichts ist schöner, als selbst etwas frisch einzukaufen, auf dem wolllüstigen Markt oder in Spezialitätengeschäften, und es dann mit Phantasie und Erfindungsgeist zu verarbeiten. Das tägliche Kochen, das – zelebriert – zu einem Ereignis wird, kann nicht einmal ein E.W. oder A.D. (Hinweis: französischer Spitzenkoch mit Fertiggerichten und Filiale in NewYork. Na, klingelt es schon?) toppen. Mein Gourmettempel ist selbstgemacht. Täglich ab 19 Uhr an meinem Herd. In diesem Sinne – Vive la cuisine!