Bislang habe ich mich bis Seite 90 “durchgelesen”. Die ersten Abschnitte umfassen neben zwei persönlichen Reflexionen des Autors, die immer wieder zwischen den musikgeschichtlichen Kapiteln eingeschoben sind, die mittelalterliche Mehrstimmigkeit. Über den Dualismus zwischen Praxis, die dem Cantor per usum, und Theorie, die dem Musicus per artem zugewiesen waren. (“Musici sciunt, cantores dicunt, quae composit musica.” Guido von Arezzo)
Musik zählte im Mittelalter zu den septem artes liberales, den sieben freien Künsten. Hier ein oft zitiertes Bild, das die Künste allegorisch darstellt:
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Man erkennt die sieben freien Künste, die der Brust der Philosophia entspringen. Sie steht im Mittelalter im Zeichen des Christentums, ist also von Gott gegeben und mit ihm verbunden. Also stehen die 7 Quellen der Weisheit in direkter Verwandschaft zur Philosophie und sind eben daher göttlich (Im Bild :”Septem fontes sapientiae fluunt de philosophia, quae dicuntur liberales artes.”).
Die allegorische Musica wird mit Harfe, Drehleier und Fiedel dargestellt. Sie gehört zum Quadrivium, also dem Gegenstandsbereich der Theorie, Betrachtungen und des Zahlenmäßigen.
Im Bild ist sie direkt neben der Dialectica angesiedelt. Diese gehört zum Trivium. Ich denke mir, dass dies nicht zufällig ist, sondern dass hier auch auf die Dialektik in der Musik angespielt wird. Damit wird ebenfalls Bezug auf die Ausdrucksfähigkeit der Musik, ihre sprachliche Qualität, genommen. Im Mittelalter wurde schließlich Musik auch an den sogenannten Trivialschulen gelehrt, wurde in gewisser Weise dem Trivium zugeordnet, zumindest als benachbarte Ars betrachtet. Doch wird sie in dem Zusammenhang nicht mehr ars musica, sondern ars cantus und ars modulationis genannt. Rationale Theorie einerseits, also im Sinne des Quadriviums, mehr sprachlich geprägte und auf Wirkung bedachte Aufführungspraxis andererseits. An den Universitäten wurde nur die ars musica gelehrt und war dem Magister artium vorenthalten.
Rationalität ist ein signifikantes Merkmal der abendländischen Musik. Rationalität deshalb, weil es ein theoretisches Regelwerk gibt, weil wesentliche Bestandteile Notation, Komposition und damit verbundene Geschichtlichkeit und Transportabilität sind. Musiktheorie ist noch heutzutage ein Studienfach. Das zeugt von der Rationalität, die unserer Musik innewohnt. Man ist darauf bedacht, das Tönende in Sprache zu fassen und angemessen zu beschreiben. Wir wollen es begrifflich machen und die Vorgänge aufzeigen. Dadurch wird gleichzeitig die Musik sprachfähig. Wenn man ihre Regeln, gleich einer Grammatik, kennt, ist man in der Lage, sie zum sprechen zu bringen.
So ist auch die Notation ein rationales Zeichensystem, wodurch die Klangphänomene reproduzierbar und transportabel werden. Die Notation gibt es bereits im 3. Jahrhundert v. Chr.. Sie vermittelt zwischen Theorie und Praxis und zeugt von der theoretischen Struktur des Musikmachens.
Aber trotz dieser Rationalität wohnt der Musik das Gefühl inne. Plato schreibt bereits über die Macht der Musik und ihre Einsatzmöglichkeiten in einem Staat. Sie verkörpert stets das Irrationale. Eggebrecht stellt zu Recht fest, dass diese Widersprüchlichkeit, insbesondere die Aufhebung, oder vielleicht besser : das Wissen um die und das Leben mit der Widersprüchlichkeit ein Kennzeichen unsere Musik ist. Unsere Emotionalität wird von Vornherein rationalisiert. Das Wissen darum hat zur Folge, dass man sich in der Musik bestimmter Formen bedienen kann, um besondere Emotionen im Hörer zu wecken.
Wahnsinn, oder? Selbst unsere kommerzielle Pop- und Rockmusik ist eine sehr rationale Sache. Kann man alles theoretisch erfassen. Auch die Tatsache, dass Musik seit jeher im kultischen Bereich zuhause ist, lässt Popmusik und ihre “Ikonen” im ersatzreligiösen Licht erscheinen. Das führt mich zu Gedanken, die ich noch an anderer Stelle mal in Worte fassen muss. Aber erstmal so viel zu Eggebrechts genialem Wälzer. Es wird noch einige Dinge daraus geben, die ich extrahieren werde.
