Seit Jahren wird er von der französischen Literaturkritik gefeiert. Er ist einfach der Star. Aber warum hatte ich noch nichts von ihm gelesen? Keine Ahnung. Neulich habe ich seinen Roman Plattform gekauft und gleich darauf verschlugen.

Das Thema ist aktuell. Das Ende ist sogar, wenn man auf den 11. September abzielt, prophetisch. Der Stoff, um den es sich durchgehend dreht, nämlich Sextourismus, ist sehr rüde. Eigentlich platzt das Buch vor lauter Sex.

Houellebecqs Protagonist ist eine ziemlich fade Person, die unscheinbar in Paris vor sich hinvegetiert. Lakonisch schildert der Romanheld, was ihm zustößt. Er entschließt sich für eine Aktiv-Gruppenreise nach Thailand. Dort läßt er sich in den Massagesalons verwöhnen, was natürlich bei den anderen Reiseteilnehmern nicht unbedingt auf Gegenliebe stößt.

Auf der Fahrt lernt er eine Frau kennen. Sie arbeitet für einen großen Reiseunternehmer und wohnt auch in Paris (natürlich!). Nach der Rückkehr aus Thailand verabreden die beiden sich, und es wird aus ihnen ein Paar.

Der Protagonist gibt das Dahinvegetieren auf und fängt endlich an zu leben. Beide sind stark sexualisiert und leben dieses voll aus.

Der Arbeitgeber der Freundin des Protagonisten hat Probleme mit den Urlaubsclubs. Sie laufen nicht mehr so gut, die Club-Welle ist verebbt. Da entsteht bei unseren Helden die Idee, Sexclubs zu etablieren. In Südamerika und in Asien.

Völlig krass.

Der erste dieser Clubs wird eingeweiht, Protagonist und Freundin sind vor Ort und wollen dort auch für den Rest des Lebens als Clubleitung bleiben. Doch da wird das ganze Etablissement von Islamisten in die Luft gejagt. Freundin, Liebe seines Lebens, stirbt, Protagonist überlebt. Nach Genesung in Paris, Übersiedlung nach Thailand. Vegetieren bis zum Ende.

Das Thema ist abgefahren. Abstoßend und doch faszinierend. Der Protagonist ist alles andere als ein Sympathieträger. Aber das Buch macht an. Ich konnte es nicht zur Seite legen und musste es daher an einem Vormittag durchlesen. Die Sprache, die Wortwahl ist fesselnd. Oftmals empfinde ich französische Literatur, genauso wie die Filme, als langatmig und zäh. Aber bei diesem Buch stimmt das Erzähltempo. Alles ist hervorragend gearbeitet. Da schreibt jemand, der das Metier beherrscht. Der Inhalt des Romans ist, trotz des Sujets, nicht platt dargestellt. Wenn jetzt ein Ken Follett oder so ein ähnlicher Heini ein derartiges Buch verfassen würde, wäre es nichts anderes als ein platter Sex- oder Pornoroman. Houllebecq steht in der Tradition der französischen frivolité. Die Beschreibungen sind erotisch, auch deftig, aber niemals platt-pornographisch. Ich weiß nicht weshalb, aber er kriegt die Wanderung auf dem schmalen Grad hin. Jedes Wort sitzt, es gibt keine romantischen Gefühlsduseleien, da ja der eher phlegmatische Protagonist erzählt.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ich möchte jetzt die anderen Romane von ihm lesen. Außerdem habe ich in Frankreich eine Talksendung gesehen, zu der ein Schriftsteller namens Francois Weyergans eingeladen war. Seine Bücher interessieren mich auch. Geht wohl auch in die Richtung frivolité.

Plattform ist vielleicht nicht gerade das Geschenk für die Schwiegermutter oder puritanische Freundin, aber zum Selbstkauf echt zu empfehlen!