Bernhard Schlink, Der Vorleser

  • December 10, 2005 10:42

Der minderjährige Protagonist verliebt sich in der Nachkriegszeit in eine Straßenbahnschaffnerin, die doppelt so alt wie er ist. Sie führt ihn in die Kunst der Liebe ein. Er ist völlig verschossen in die Frau und ihr Wesen. Nach den Liebesakten muss er ihr immer etwas vorlesen. Er ist der Vorleser.

Sie verlieren sich aus den Augen.

Die Jahre vergehen, der Protagonist studiert Jura. Zu dieser Zeit finden Prozesse statt, in denen die Auschwitzaufseherinnen angeklagt werden. Eine der Angeklagten ist die frühere Liebhaberin unseres Protagonisten. Diese Tatsache führt natürlich zu schweren, inneren Auseinandersetzungen des jungen Studenten. Er wußte nichts von ihrem Vorleben. Er kannte nur sie, die Geliebte.

Schließlich wird sie verurteilt, jedoch auch für Vergehen, die sie nicht hat begehen können, denn der Romanheld erahnt: Sie kann weder lesen noch schreiben. Doch der Stolz und die Scham verbieten es der Frau, diese Schwäche zuzugeben.

Der Protagonist heiratet, die Ehe zerbricht, schlägt die Unilaufbahn ein. Und er nimmt Kassetten für seine frühere Liebe auf. Er liest ihr vor. Persöhnliches kommt jedoch nie vor.

Nach vielen Jahren kommt der Zeitpunkt der Entlassung. Er besucht sie das erste Mal im Gefängnis. Er organisiert viele Dinge für sie – Wohnung, Arbeit etc.

Doch am Tage der Entlassung begeht sie Selbstmord.

Das Buch ist nicht zu dick. Kein Wort, keine Duseleien zu viel. Mir hat es außerordentlich gut gefallen. Der Protagonist ist hin- und hergerissen zwischen einer Person mit zwei Gesichtern. Dem erzählten Gesicht der Verhandlungen und dem selbst erlebten Gesicht. Wie kann man damit überhaupt umgehen? Anscheinend nur unzureichend, denn das private Leben des Protagonisten ist nicht gerade von Glück gezeichnet. Er wankt. Das wird deutlich. Und dabei finde ich ihn nett und sehr sympathisch. Seine Schilderungen der Jugend sind ergreifend. Dem Jungen gönnt man ein friedliches Leben. Aber es kommt immer anders als man denkt.

Lest dieses Buch, denn es ist die zwei Stunden Zeit unbedingt wert!

Michel Houellebecq, Plattform

  • December 9, 2005 11:01

Seit Jahren wird er von der französischen Literaturkritik gefeiert. Er ist einfach der Star. Aber warum hatte ich noch nichts von ihm gelesen? Keine Ahnung. Neulich habe ich seinen Roman Plattform gekauft und gleich darauf verschlugen.

Das Thema ist aktuell. Das Ende ist sogar, wenn man auf den 11. September abzielt, prophetisch. Der Stoff, um den es sich durchgehend dreht, nämlich Sextourismus, ist sehr rüde. Eigentlich platzt das Buch vor lauter Sex.

Houellebecqs Protagonist ist eine ziemlich fade Person, die unscheinbar in Paris vor sich hinvegetiert. Lakonisch schildert der Romanheld, was ihm zustößt. Er entschließt sich für eine Aktiv-Gruppenreise nach Thailand. Dort läßt er sich in den Massagesalons verwöhnen, was natürlich bei den anderen Reiseteilnehmern nicht unbedingt auf Gegenliebe stößt.

Auf der Fahrt lernt er eine Frau kennen. Sie arbeitet für einen großen Reiseunternehmer und wohnt auch in Paris (natürlich!). Nach der Rückkehr aus Thailand verabreden die beiden sich, und es wird aus ihnen ein Paar.

Der Protagonist gibt das Dahinvegetieren auf und fängt endlich an zu leben. Beide sind stark sexualisiert und leben dieses voll aus.

Der Arbeitgeber der Freundin des Protagonisten hat Probleme mit den Urlaubsclubs. Sie laufen nicht mehr so gut, die Club-Welle ist verebbt. Da entsteht bei unseren Helden die Idee, Sexclubs zu etablieren. In Südamerika und in Asien.

Völlig krass.

Der erste dieser Clubs wird eingeweiht, Protagonist und Freundin sind vor Ort und wollen dort auch für den Rest des Lebens als Clubleitung bleiben. Doch da wird das ganze Etablissement von Islamisten in die Luft gejagt. Freundin, Liebe seines Lebens, stirbt, Protagonist überlebt. Nach Genesung in Paris, Übersiedlung nach Thailand. Vegetieren bis zum Ende.

Das Thema ist abgefahren. Abstoßend und doch faszinierend. Der Protagonist ist alles andere als ein Sympathieträger. Aber das Buch macht an. Ich konnte es nicht zur Seite legen und musste es daher an einem Vormittag durchlesen. Die Sprache, die Wortwahl ist fesselnd. Oftmals empfinde ich französische Literatur, genauso wie die Filme, als langatmig und zäh. Aber bei diesem Buch stimmt das Erzähltempo. Alles ist hervorragend gearbeitet. Da schreibt jemand, der das Metier beherrscht. Der Inhalt des Romans ist, trotz des Sujets, nicht platt dargestellt. Wenn jetzt ein Ken Follett oder so ein ähnlicher Heini ein derartiges Buch verfassen würde, wäre es nichts anderes als ein platter Sex- oder Pornoroman. Houllebecq steht in der Tradition der französischen frivolité. Die Beschreibungen sind erotisch, auch deftig, aber niemals platt-pornographisch. Ich weiß nicht weshalb, aber er kriegt die Wanderung auf dem schmalen Grad hin. Jedes Wort sitzt, es gibt keine romantischen Gefühlsduseleien, da ja der eher phlegmatische Protagonist erzählt.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ich möchte jetzt die anderen Romane von ihm lesen. Außerdem habe ich in Frankreich eine Talksendung gesehen, zu der ein Schriftsteller namens Francois Weyergans eingeladen war. Seine Bücher interessieren mich auch. Geht wohl auch in die Richtung frivolité.

Plattform ist vielleicht nicht gerade das Geschenk für die Schwiegermutter oder puritanische Freundin, aber zum Selbstkauf echt zu empfehlen!

Die Kunst Klavier zu üben

  • December 8, 2005 21:25

Ich habe, wie ich finde, nette Klavierschüler. Alle sind lieb und geben sich Mühe. Diejenige, die mir im Sommer Kummer machte, hat sich richtig gut entwickelt. Ein Junge hat, nach anfänglichem Dümpeln, gestanden, dass er ABBA super fände. Seitdem er ABBA spielen darf, ist er glücklich, übt und macht Fortschritte.

Diese beiden Beispiele zeigen sowohl Eigenmotivationen als auch leichtes Hinterherseien der Eltern. Da machen die Kinder ordentliche, sagen wir mal: passable Fortschritte. Bei Kindern, deren Eltern sich neben der Eigenmotivation noch aktiver um die Übeeinheiten der Sprösslinge kümmern, klappt es hervorragend. Stücke sind immer geübt, Fortschritte kann ich von Stunde zu Stunde feststellen. Das ist der Traum.

Aber dann gibt es Kinder, die zwar lieb und wirklich süß sind, die jedoch das Instrument als zu groß geratenes Spielzeug ansehen. Die Eltern klemmen sich nicht genug dahinter, lesen nicht die Aufgabenhefte und können daher das Üben nicht gut begleiten. Und am Anfang ist das eben sehr wichtig. Wie soll denn ein siebenjähriges Kind aus sich heraus wissen, wie man gleichmäßig zählt, die Hand korrekt halten muss und die Tonnamen richtig lernt. Mit einmal pro Woche Unterricht klappt das nicht. Kinder brauchen anfangs eine “Übeassistenz”. Die Prinzipien, die ich ihnen wöchentlich zeige, müssen verinnerlicht werden. Dazu sind Eltern notwendig. Zehn Minuten am Anfang reichen doch – möglichst täglich. Und diese Zeit hat jeder Erwachsene. Wenn die Prinzipien des Übens automatisiert sind, sind Kinder auch meist in der Lage, selbstständig Probleme anzugehen und zu lösen.

Ich frage mich heute nach einem durchwachsenen Unterrichtstag, wieso letzteres von einigen Erwachsenen nicht respektiert wird. Sie üben doch auch Lesen und Schreiben mit den Kindern. Das Korrektiv ist nicht nur an solch einer Stelle angebracht. Kunst, und das scheint vielen nicht klar zu sein, sieht einfach aus, aber macht sehr viel Arbeit. Schönheit hat den Preis des Übens und Verbesserns.

Wenn Eltern in der Anfangszeit versäumen, Ihre Kinder beim Üben zu begleiten, führt es in den meisten Fällen dazu, dass das “zu groß geratene Spielzeug” von den Kindern entnervt in die Ecke geschmissen wird. Der Deckel wird für immer zu gemacht. Klavier verstaubt.

Das ärgert mich gewaltig.