Der minderjährige Protagonist verliebt sich in der Nachkriegszeit in eine Straßenbahnschaffnerin, die doppelt so alt wie er ist. Sie führt ihn in die Kunst der Liebe ein. Er ist völlig verschossen in die Frau und ihr Wesen. Nach den Liebesakten muss er ihr immer etwas vorlesen. Er ist der Vorleser.
Sie verlieren sich aus den Augen.
Die Jahre vergehen, der Protagonist studiert Jura. Zu dieser Zeit finden Prozesse statt, in denen die Auschwitzaufseherinnen angeklagt werden. Eine der Angeklagten ist die frühere Liebhaberin unseres Protagonisten. Diese Tatsache führt natürlich zu schweren, inneren Auseinandersetzungen des jungen Studenten. Er wußte nichts von ihrem Vorleben. Er kannte nur sie, die Geliebte.
Schließlich wird sie verurteilt, jedoch auch für Vergehen, die sie nicht hat begehen können, denn der Romanheld erahnt: Sie kann weder lesen noch schreiben. Doch der Stolz und die Scham verbieten es der Frau, diese Schwäche zuzugeben.
Der Protagonist heiratet, die Ehe zerbricht, schlägt die Unilaufbahn ein. Und er nimmt Kassetten für seine frühere Liebe auf. Er liest ihr vor. Persöhnliches kommt jedoch nie vor.
Nach vielen Jahren kommt der Zeitpunkt der Entlassung. Er besucht sie das erste Mal im Gefängnis. Er organisiert viele Dinge für sie – Wohnung, Arbeit etc.
Doch am Tage der Entlassung begeht sie Selbstmord.
Das Buch ist nicht zu dick. Kein Wort, keine Duseleien zu viel. Mir hat es außerordentlich gut gefallen. Der Protagonist ist hin- und hergerissen zwischen einer Person mit zwei Gesichtern. Dem erzählten Gesicht der Verhandlungen und dem selbst erlebten Gesicht. Wie kann man damit überhaupt umgehen? Anscheinend nur unzureichend, denn das private Leben des Protagonisten ist nicht gerade von Glück gezeichnet. Er wankt. Das wird deutlich. Und dabei finde ich ihn nett und sehr sympathisch. Seine Schilderungen der Jugend sind ergreifend. Dem Jungen gönnt man ein friedliches Leben. Aber es kommt immer anders als man denkt.
Lest dieses Buch, denn es ist die zwei Stunden Zeit unbedingt wert!