Der Titel nimmt es bereits vorweg: Das Mordopfer ist eine Modellarbeiterin Guan Hongying, die rote Heldin, welche in einem Plastiksack verschnürt in einem Seitenarm eines Flusses entdeckt wird. Inspektor Chen übernimmt mit seinem Kollegen Yu den Fall, der sich nach und nach als politisch brisant erweist. Der Hauptverdächtige ist nämlich der Sohn eines hohen Kaders. Er heißt Wu Xioaming und ist ein erfolgreicher Photograph, der allerdings, wie es sich herausstellt, einen Hang zu bürgerlich-dekadenten Aufnahmen im pornographischen Stile hat.
Da das Drama am Platz des himmlischen Friedes in Beijing gerade erst war, ist die Atmosphäre in China der damaligen Zeit politisch angespannt. Die Partei fürchtet Unruhen, und deshalb versucht man, Chen zu blockieren und die Aufklärung des Mordes zu verhindern. Ein probates Mittel ist da der Vorwurf, Chen würde selbst konterrevolutionäre Gedichte verfassen. Er ist nämlich ein recht bekannter Autor von Gedichten, die des öfteren in Zeitungen veröffentlicht werden. Er gerät beruflich ins Wanken, erfährt jedoch Hilfe von einer alten Freundin, Tochter eines sehr hohen Kaders in der Hauptstadt und daher sehr einflussreich.
Mehr will ich an dieser Stelle gar nicht verraten. Das Buch ist ca. 460 Seiten lang, liest sich aber nicht so schnell. Zu ungewohnt sind die Namen und auch das kulturelle Umfeld, weshalb ich manches staunend nochmals lesen musste. Da ja der Protagonist selbst schriftstellerisch tätig ist und sich als Kenner der chinesischen Literatur bezeichnet, werden häufig Zitate alter chinesischer Literaten und Zitate seiner Gedichte eingefügt. Die darin enthaltene chinesische Symbolik erweist sich für mich bislang, die ich keine Ahnung davon habe, als schwer verständlich. Aber machen die Zitate Lust auf mehr, da die Wortzusammenstellung schön und fast meditativ ist.
Nun gut. Wie finde ich also den Roman?
Nicht schlecht. Die Story läuft leider nur sehr langsam an, daher ist das Buch, was die Aufklärung anbelangt, erst zum Ende hin interessant. Am faszinierendsten finde ich das kulturelle Umfeld. Die Beschreibungen der Wohn- und Lebensbedingungen. Auch gefällt mir die Darstellung der Klüngelei zwischen den hohen Kadern sehr gut.
Qiu Xiaolong ist nach dem Massaker am Tiananmen selbst nicht mehr aus dem USA in die Heimat zurückgekehrt. Seine Darstellung der parteiinternen Strukturen und der Art, wie mit unangenehmen Fakten umgegenagen wird, ist behutsam, nicht direkt anschuldigend. Ich würde fast sagen, dass er um Objektivität bemüht ist. Daraus kann man lesen, was man will. Einerseits kritisiert auch Genosse Chen die Einmischung der Inneren Sicherheit in den Mordfall, andererseits ist es keine grundsätzliche Negativ-Kritik an der KP. Vielmehr ist es eine konstruktive Kritik, die die Arbeit der Partei an sich nicht in Frage stellt.
Erst durch diese Einsichten, die vornehmlich im letzen Drittel des Romanes gewährt werden, wird das Buch interessant und für uns westliche Langnasen ungewöhnlich. Kurz gesagt: An dieser Stelle erst wird der Roman für mich zu einem richtig guten Buch. Und vor allem zu einem tatsächlich cinesischen Kriminalroman.
Habe das Buch letzten Herbst gelesen, fand es auch recht unterhaltsam. Mich hat am meisten beeindruckt, dass, obwohl das Buch sich schon teilweise kritisch ueber das System auessert (Karderkluengel, Willkuer im Rechtssystem, Maengel in individueller Lebensplanung), es jedoch weder aufdringlich herumpoltert (die “US-Sicht der Dinge”) bzw. andererseits versucht, den Leser von den Eigenarten Chinas zu ueberzeugen (die “Sinologen-Fraktion”).
Es faellt auch positiv auf, dass die ueblichen Uebersetzungs-Schnitzer sich in Grenzen halten, die so oft ostasiatische Buecher verunstalten. Wer schon einmal Murakami Haruki auf Deutsch gelesen hat, weiss, was ich meine.
Die Hauptfigur finde ich jedoch reichlich unrealistisch (ein Dichter und Polizist gleichzeitig?). Mir ist da die skandinavische Tradition lieber – Hauptfiguren muessen Ecken und Kanten (und Fehler!) haben…
Was den unrealistischen Protagonisten anbelangt, so stimme ich Dir bedingt zu. Die skandinavische (und andere) Jammer-und-Resignations-Brigaden gehen mir allerdings gerade etwas auf den Keks. Ist zu ‘ner richtigen Mode geworden (siehe hierzu auch meinen Eintrag http://juju.on-the-net.de/2005/11/literatur/der-jammernde-kriminalkommisar/ ).
Daher ist Chen mir eine willkommene Abwechslung. Immerhin hat er ja auch einen Fehler: Muttersöhnchen mit leichter Soziopathie was Frauen anbelangt.