Carlos Ruis Zafon, Der Schatten des Windes

  • September 18, 2006 16:13

Seitdem ich im Schulalltag stecke, lese ich teils nur ein paar Zeilen im Bett und dann ist “Schicht im Schacht”. Durchschnittliche Bücher erweisen sich bei einem solchen Vorgehen als extrem zäh und undankbar, da mir mangels intelligenter Spannung bereits nach einer Seite die Augen zufallen. Das Elend kann sich somit über Wochen erstrecken.

Aber dann kam Zafon mit diesem wunderbaren Roman. In jeder Seite steckt Esprit und Liebe zu den Protagonisten der Handlung.

Daniel wird im Barcelona der 50er Jahren von seinem Vater, einem Buchhändler, mit zu dem unterirdischen Friedhof der Bücher genommen. Dort darf er sich ein Buch aussuchen und fischt sich einen Roman des Schriftstellers Julian Carax aus den Regalen. Der Roman trifft seinen Nerv und fortan hütet der Junge die bedruckten Seiten wie seinen Augapfel. Da, wie es sich herausstellt, es sich um das einzige Exemplar des weitgehend unbekannten Carax handelt, bieten andere Buchhändler Daniel hohe Summen. Doch dieser gibt es nicht her.

Doch wer war oder ist Julian Carax? Und weshalb sind all seine veröffenlichten Romane von einem Unbekannten verbrannt worden? Daniel begibt sich auf eine jahrelange Ergründung des Falls “Carax” und stellt fest, dass seine eigene Geschichte fast eine Wiederholung der tragischen Historie des Schriftstellers ist. Aber eben nur fast.

Mir gefällt an dem Buch besonders die liebevolle Schilderung der Charaktere, allen voran der gestrandeten Seele, Fermin. Er wird als Bettler von Daniel aufgegabelt und mit nach hause genommen. Daniels Vater gibt ihm eine Anstellung in seinem Antiquariat, wo das gewitzte Männchen auflebt und den Alltag auf das Herrlichste bereichert. Ein wenig Arléquin… einfach schön!

Die letzten Kapitel habe ich in China im Zug gelesen und habe dann an meinen Reisegefährten (Typ: Ken Follet, John Grisham) weitergegeben. Zu meinem Erstaunen hat auch er das Buch einmal mit Haut und Haaren verschlungen und war berührt.

Fazit: LESEN!

Qiu Xiaolong, Tod einer roten Heldin

  • January 6, 2006 16:12

Der Titel nimmt es bereits vorweg: Das Mordopfer ist eine Modellarbeiterin Guan Hongying, die rote Heldin, welche in einem Plastiksack verschnürt in einem Seitenarm eines Flusses entdeckt wird. Inspektor Chen übernimmt mit seinem Kollegen Yu den Fall, der sich nach und nach als politisch brisant erweist. Der Hauptverdächtige ist nämlich der Sohn eines hohen Kaders. Er heißt Wu Xioaming und ist ein erfolgreicher Photograph, der allerdings, wie es sich herausstellt, einen Hang zu bürgerlich-dekadenten Aufnahmen im pornographischen Stile hat.

Da das Drama am Platz des himmlischen Friedes in Beijing gerade erst war, ist die Atmosphäre in China der damaligen Zeit politisch angespannt. Die Partei fürchtet Unruhen, und deshalb versucht man, Chen zu blockieren und die Aufklärung des Mordes zu verhindern. Ein probates Mittel ist da der Vorwurf, Chen würde selbst konterrevolutionäre Gedichte verfassen. Er ist nämlich ein recht bekannter Autor von Gedichten, die des öfteren in Zeitungen veröffentlicht werden. Er gerät beruflich ins Wanken, erfährt jedoch Hilfe von einer alten Freundin, Tochter eines sehr hohen Kaders in der Hauptstadt und daher sehr einflussreich.

Mehr will ich an dieser Stelle gar nicht verraten. Das Buch ist ca. 460 Seiten lang, liest sich aber nicht so schnell. Zu ungewohnt sind die Namen und auch das kulturelle Umfeld, weshalb ich manches staunend nochmals lesen musste. Da ja der Protagonist selbst schriftstellerisch tätig ist und sich als Kenner der chinesischen Literatur bezeichnet, werden häufig Zitate alter chinesischer Literaten und Zitate seiner Gedichte eingefügt. Die darin enthaltene chinesische Symbolik erweist sich für mich bislang, die ich keine Ahnung davon habe, als schwer verständlich. Aber machen die Zitate Lust auf mehr, da die Wortzusammenstellung schön und fast meditativ ist.

Nun gut. Wie finde ich also den Roman?

Nicht schlecht. Die Story läuft leider nur sehr langsam an, daher ist das Buch, was die Aufklärung anbelangt, erst zum Ende hin interessant. Am faszinierendsten finde ich das kulturelle Umfeld. Die Beschreibungen der Wohn- und Lebensbedingungen. Auch gefällt mir die Darstellung der Klüngelei zwischen den hohen Kadern sehr gut.

Qiu Xiaolong ist nach dem Massaker am Tiananmen selbst nicht mehr aus dem USA in die Heimat zurückgekehrt. Seine Darstellung der parteiinternen Strukturen und der Art, wie mit unangenehmen Fakten umgegenagen wird, ist behutsam, nicht direkt anschuldigend. Ich würde fast sagen, dass er um Objektivität bemüht ist. Daraus kann man lesen, was man will. Einerseits kritisiert auch Genosse Chen die Einmischung der Inneren Sicherheit in den Mordfall, andererseits ist es keine grundsätzliche Negativ-Kritik an der KP. Vielmehr ist es eine konstruktive Kritik, die die Arbeit der Partei an sich nicht in Frage stellt.

Erst durch diese Einsichten, die vornehmlich im letzen Drittel des Romanes gewährt werden, wird das Buch interessant und für uns westliche Langnasen ungewöhnlich. Kurz gesagt: An dieser Stelle erst wird der Roman für mich zu einem richtig guten Buch. Und vor allem zu einem tatsächlich cinesischen Kriminalroman.

Lese-Intermezzi

  • December 13, 2005 14:37

Der Grund dafür sind zwei weitere Bücher. Ich habe mich vom Bücherstapel über Mozart hinreißen lassen. Rausgekommen sind einmal seine übersichtliche Biographie, die in den rororo-Monographien erschienen ist. Der Autor ist Fritz Hennenberg. Das Leben einer Ausnahmegestalt auf 140 Seiten. Mir gefällt das bewährte rororo-Prinzip. Mit der Zeit hat sich doch schon mancher Band dieser Reihe bei mir im Regal eingefunden. Als Einstieg oder als Übersicht sind die Bände ideal. Die Mozart-Biographie ist gut geschrieben. An den richtigen Stellen werden tiefergehende Informationen touchiert, der fließende Text ist, so empfinde ich es, schon unterhaltsam geschrieben. Das Buch ist mein persönlicher Appetizer zum kommenden Mozartjahr. Die 140 Seiten brauchten inklusive Markieren wichtiger Sujets, Erstaunen, Nachsinnen über die beschriebene Musik an die zwei Stunden. Für einen Fachtext ist das nicht zu lange. Als nächstes wird das Buch von Alfred Einstein über Mozart auf der Speisekarte stehen. Das wird fachlich tiefer gehen und sicher sehr hilfreich für Unterrichtsvorbereitungen sein. Wäre doch schade, wenn ich die Gunst der Stunde nicht für eine Mozart-Einheit verwenden könnte.

Aber das war nun nicht das einzige Lese-Intermezzo. Gestern abend haben Martin und ich den Film der Untergang gesehen. Währenddessen fiel mir ein Gespräch mit einer guten Freundin ein, in dem das Buch “Kommandant in Auschwitz” von Rudolf Höß vorkam. Ich habe dieses Buch schon seit vielen Jahren im Regal stehen. In der elften Klasse hatte unser damaliger Philo-Lehrer es erwähnt und uns empfohlen. Gekauft. Aber noch nicht gelesen. Gestern abend bin ich dann aber aufgesprungen und habe mir das Buch aus dem Regal genommen. Seltsam, sowas zu lesen. Höß hat seine Biographie verfasst, als er auf die Vollstreckung seines Todesurteils wartete. Er war drei Jahre lang der Kommandant des KZ Auschwitz. Die Zeit ist nun reif für mich, das Buch zu lesen. Bin auf Seite 45.

Letzte nacht habe ich dann, vielleicht wegen des Filmes und des Buches, richtig fiese Albträume gehabt.

So sieht es also zur Zeit mit den Büchern aus. Pompeji oder Stephenson… Diese Frage werde ich mir erst wieder in ein paar Tagen stellen.