Dürrenmatt und das Versprechen

  • December 12, 2005 10:14

Den Film dürfte fast jeder in Deutschland kennen. Es geschah am hellichten Tag mit Gerd Fröbe in der Rolle des Kindermörders ist ein Klassiker und, wie ich finde, immer noch mitreißend und beklemmend.

Dürrenmatt schrieb damals das Drehbuch, später nahm er sich den Stoff nochmals vor und änderte einige Dinge. Daraus wurde schließlich sein Roman das Versprechen. Der Film hat ein deutliches Happy End. Der Mörder wird gefasst, keine Kinder fallen ihm mehr zum Opfer. Der Kommissar hat triumphiert.

Im Roman hingegen wird der Mörder nicht gefasst, denn kurz vor dem Anbeißen am “Lockvogel Annemarie” schlägt das Schicksal zu: Herr Schrott hat einen tödlichen Autounfall auf dem Weg zum Treffpunkt mit Annemarie. Der Kommissar bleibt daher sein Leben lang an der Tankstelle kleben und verfällt dem Wahnsinn. Annemarie und ihre Mutter bleiben bei ihm. Dieses Dreiergespann ist mitleidserregend. Kein Triumph. Kein Happy End für den Guten.

Das Schicksal hat dazwischengefunkt.

Dürrenmatts Welt nimmt den Leser ein. Seine Mikrokosmen sind seltsam und trotz einer gewissen Vertrautheit irgendwie befremdlich. Der Leser bleibt immer auf Distanz zu den literarischen Figuren. Da können wir nicht vollends reinschauen, weshalb eine Art von Kälte, Strenge, aber auch Direktheit der Bilder entsteht. Wie es den Figuren geht, was sie innerlich erleiden, können wir als Leser nur durch Symptome erahnen und erschließen. Cooles Prinzip.

Der Roman liest sich, wenn man nicht gestört wird, in eineinhalb Stunden durch. Also nicht als einzige Lektüre in den Urlaub mitnehmen! Ist eher sowas wie ein Snack für zwischendurch. Das Buch ist erstmals 1958 erschienen, aber überhaupt nicht verstaubt. Ich halte es für eine zeitlose Geschichte. Und es ist gleichermaßen eine zeitlose Parabel auf das seltsame Leben und seine Kapriolen.

Lesen!

Was lese ich als nächstes?

  • December 11, 2005 10:05

Es ist ein Kreuz mit diesen Büchern. Ich habe mir die letzten zwei Abende Bücher vorgenommen und habe angefangen zu lesen. Aber ich weiß nicht… Soll ich, soll ich nicht? Vielleicht was Neues?

Vorgestern: Ich sitze auf Martins Schoß und ärgere ihn ein wenig. Dabei sehe ich das Buch Cryptonomicon von Stephenson. ‘Hach’, denke ich mir, ‘das könnte ich ja mal lesen…’ Also lasse ich von Martin ab und gehe mit dem Buch unter dem Arm ins Bett und fange an zu lesen. Ein riesiger Nachteil des Buches ist, dass es im Liegen kaum zu lesen ist. Das Buch ist so dick und so schwer. Nicht gemütlich. Nach dem Prolog schlafe ich ein.

Gestern: Ich gehe ins Bett, denke an dieses schrecklich schwere Buch, schweife mit meinem Blick hin und her. Da grinst mich von Martins Nachttisch das Buch Pompeji von Harris an. Hat meine Schwester ihm neulich geschenkt. ‘Ach, warum nicht?’ sage ich mir. Also habe ich auch damit angefangen. Über den Bau von Aquädukten geht es. Das Buch ist leichter und dünner. Ich kann es also im Liegen sehr gut lesen. Werde ich es heute abend weiterlesen?

Fortsetzung folgt!

Bernhard Schlink, Der Vorleser

  • December 10, 2005 10:42

Der minderjährige Protagonist verliebt sich in der Nachkriegszeit in eine Straßenbahnschaffnerin, die doppelt so alt wie er ist. Sie führt ihn in die Kunst der Liebe ein. Er ist völlig verschossen in die Frau und ihr Wesen. Nach den Liebesakten muss er ihr immer etwas vorlesen. Er ist der Vorleser.

Sie verlieren sich aus den Augen.

Die Jahre vergehen, der Protagonist studiert Jura. Zu dieser Zeit finden Prozesse statt, in denen die Auschwitzaufseherinnen angeklagt werden. Eine der Angeklagten ist die frühere Liebhaberin unseres Protagonisten. Diese Tatsache führt natürlich zu schweren, inneren Auseinandersetzungen des jungen Studenten. Er wußte nichts von ihrem Vorleben. Er kannte nur sie, die Geliebte.

Schließlich wird sie verurteilt, jedoch auch für Vergehen, die sie nicht hat begehen können, denn der Romanheld erahnt: Sie kann weder lesen noch schreiben. Doch der Stolz und die Scham verbieten es der Frau, diese Schwäche zuzugeben.

Der Protagonist heiratet, die Ehe zerbricht, schlägt die Unilaufbahn ein. Und er nimmt Kassetten für seine frühere Liebe auf. Er liest ihr vor. Persöhnliches kommt jedoch nie vor.

Nach vielen Jahren kommt der Zeitpunkt der Entlassung. Er besucht sie das erste Mal im Gefängnis. Er organisiert viele Dinge für sie – Wohnung, Arbeit etc.

Doch am Tage der Entlassung begeht sie Selbstmord.

Das Buch ist nicht zu dick. Kein Wort, keine Duseleien zu viel. Mir hat es außerordentlich gut gefallen. Der Protagonist ist hin- und hergerissen zwischen einer Person mit zwei Gesichtern. Dem erzählten Gesicht der Verhandlungen und dem selbst erlebten Gesicht. Wie kann man damit überhaupt umgehen? Anscheinend nur unzureichend, denn das private Leben des Protagonisten ist nicht gerade von Glück gezeichnet. Er wankt. Das wird deutlich. Und dabei finde ich ihn nett und sehr sympathisch. Seine Schilderungen der Jugend sind ergreifend. Dem Jungen gönnt man ein friedliches Leben. Aber es kommt immer anders als man denkt.

Lest dieses Buch, denn es ist die zwei Stunden Zeit unbedingt wert!