Den Film dürfte fast jeder in Deutschland kennen. Es geschah am hellichten Tag mit Gerd Fröbe in der Rolle des Kindermörders ist ein Klassiker und, wie ich finde, immer noch mitreißend und beklemmend.
Dürrenmatt schrieb damals das Drehbuch, später nahm er sich den Stoff nochmals vor und änderte einige Dinge. Daraus wurde schließlich sein Roman das Versprechen. Der Film hat ein deutliches Happy End. Der Mörder wird gefasst, keine Kinder fallen ihm mehr zum Opfer. Der Kommissar hat triumphiert.
Im Roman hingegen wird der Mörder nicht gefasst, denn kurz vor dem Anbeißen am “Lockvogel Annemarie” schlägt das Schicksal zu: Herr Schrott hat einen tödlichen Autounfall auf dem Weg zum Treffpunkt mit Annemarie. Der Kommissar bleibt daher sein Leben lang an der Tankstelle kleben und verfällt dem Wahnsinn. Annemarie und ihre Mutter bleiben bei ihm. Dieses Dreiergespann ist mitleidserregend. Kein Triumph. Kein Happy End für den Guten.
Das Schicksal hat dazwischengefunkt.
Dürrenmatts Welt nimmt den Leser ein. Seine Mikrokosmen sind seltsam und trotz einer gewissen Vertrautheit irgendwie befremdlich. Der Leser bleibt immer auf Distanz zu den literarischen Figuren. Da können wir nicht vollends reinschauen, weshalb eine Art von Kälte, Strenge, aber auch Direktheit der Bilder entsteht. Wie es den Figuren geht, was sie innerlich erleiden, können wir als Leser nur durch Symptome erahnen und erschließen. Cooles Prinzip.
Der Roman liest sich, wenn man nicht gestört wird, in eineinhalb Stunden durch. Also nicht als einzige Lektüre in den Urlaub mitnehmen! Ist eher sowas wie ein Snack für zwischendurch. Das Buch ist erstmals 1958 erschienen, aber überhaupt nicht verstaubt. Ich halte es für eine zeitlose Geschichte. Und es ist gleichermaßen eine zeitlose Parabel auf das seltsame Leben und seine Kapriolen.
Lesen!