Die Kunst Klavier zu üben

  • December 8, 2005 21:25

Ich habe, wie ich finde, nette Klavierschüler. Alle sind lieb und geben sich Mühe. Diejenige, die mir im Sommer Kummer machte, hat sich richtig gut entwickelt. Ein Junge hat, nach anfänglichem Dümpeln, gestanden, dass er ABBA super fände. Seitdem er ABBA spielen darf, ist er glücklich, übt und macht Fortschritte.

Diese beiden Beispiele zeigen sowohl Eigenmotivationen als auch leichtes Hinterherseien der Eltern. Da machen die Kinder ordentliche, sagen wir mal: passable Fortschritte. Bei Kindern, deren Eltern sich neben der Eigenmotivation noch aktiver um die Übeeinheiten der Sprösslinge kümmern, klappt es hervorragend. Stücke sind immer geübt, Fortschritte kann ich von Stunde zu Stunde feststellen. Das ist der Traum.

Aber dann gibt es Kinder, die zwar lieb und wirklich süß sind, die jedoch das Instrument als zu groß geratenes Spielzeug ansehen. Die Eltern klemmen sich nicht genug dahinter, lesen nicht die Aufgabenhefte und können daher das Üben nicht gut begleiten. Und am Anfang ist das eben sehr wichtig. Wie soll denn ein siebenjähriges Kind aus sich heraus wissen, wie man gleichmäßig zählt, die Hand korrekt halten muss und die Tonnamen richtig lernt. Mit einmal pro Woche Unterricht klappt das nicht. Kinder brauchen anfangs eine “Übeassistenz”. Die Prinzipien, die ich ihnen wöchentlich zeige, müssen verinnerlicht werden. Dazu sind Eltern notwendig. Zehn Minuten am Anfang reichen doch – möglichst täglich. Und diese Zeit hat jeder Erwachsene. Wenn die Prinzipien des Übens automatisiert sind, sind Kinder auch meist in der Lage, selbstständig Probleme anzugehen und zu lösen.

Ich frage mich heute nach einem durchwachsenen Unterrichtstag, wieso letzteres von einigen Erwachsenen nicht respektiert wird. Sie üben doch auch Lesen und Schreiben mit den Kindern. Das Korrektiv ist nicht nur an solch einer Stelle angebracht. Kunst, und das scheint vielen nicht klar zu sein, sieht einfach aus, aber macht sehr viel Arbeit. Schönheit hat den Preis des Übens und Verbesserns.

Wenn Eltern in der Anfangszeit versäumen, Ihre Kinder beim Üben zu begleiten, führt es in den meisten Fällen dazu, dass das “zu groß geratene Spielzeug” von den Kindern entnervt in die Ecke geschmissen wird. Der Deckel wird für immer zu gemacht. Klavier verstaubt.

Das ärgert mich gewaltig.

Triphop oder Downbeat?

  • November 28, 2005 13:53

Offen gestanden: Ich hasse alles, was elektronisch klingt. Discos mit Techno, Trance und House sind mir ein Mega-Graus. Mir bringt die Musik so überhaupt gar keinen Spaß. Und dass so viele Leute sich das reinziehen, kann ich beim besten Willen nicht verstehen. Aber diese Genres prägen unsere musikalische Landschaft und dementsprechend unsere Lebenswelt. Natürlich ist nicht plötzlich jemand auf die Idee gekommen, Acid House, Rave oder was auch immer zu kreieren. Das hat schon seine tieferen Wurzeln.

Und das ist wirklich spannend, diese gesamte Ecke der neueren Musikgeschichte von den Wurzeln bis hin zu den unglaublich vielen Verästelungen sich anzuschauen. Das allein wäre schon wahnsinnig interessant. Aber die Website “Ishkur’s Guide to Electronic Music“toppt es, da man sich zu jeder einzelnen Stilrichtung mehrere Beispiele anhören kann. Ich erfahre somit unmittelbar durch lesen und hören, dass zum Beispiel Björk zu dem Stil “Downbeat” und Portishead zu “Trip Hop” gehören. Sehr cool.

Insgesamt wird das Genre “elekronisch erzeugte Musik” in 7 große Stilrichtungen gruppiert. Alles ist jedoch in einer Art Mindmap überordnend zusammengefasst. Dadurch sieht man ganz klar, dass beispielsweise “Industrial” einerseits noch unter “Downtempo” fällt und damit direkt von der “musique concrète” abstammt, aber andereseits unter “Trance” fällt und Darkwave usw. nach sich zieht. Man kann deshalb gut nachvollziehen, welche Stile Bindeglieder sind und was sie des weiteren an neuen Ausprägungen auslösen.

Den Link habe ich auf der letzten Seite des Wissenschafts-Teils der FAS zufällig entdeckt. Es lohnt sich tatsächlich, Zeitungen mal genauer zu lesen.

Klavier-Lullis und kleine Lichtpunkte

  • July 18, 2005 13:56

Ich bin ehrlich froh, dass für die nächsten sechs Wochen das Trauerspiel ersteinmal ein Ende hat. Es ist schon eine ernüchternde Bilanz, die ein Klavierlehrer so ziehen muss… bei einem Haufen Schüler sind maximal zwei darunter, die problemlos üben und sich geschickt an der Klaviatur anstellen.

Es gibt keine a priori unmusikalischen Menschen. A posteriori gibt es jedoch das falsche Instrument. Mir war bis vor kurzer Zeit nicht klar, dass Klavierspielen ziemlich kompliziert ist, da man zwei Hände hat, die unterschiedliche Sachen spielen, die auch noch in zwei verschiedenen Schlüsseln notiert sind, und dann auch noch ggf. zwei Füsse, die unterschiedliche Pedale asynchron treten müssen. Und das wäre erst einmal nur die Basis. Damit hat man noch nichts für eine angemessene Gestaltung des Stückes getan. Von der Körper- und Handhaltung ganz zu schweigen.

Ojehojeh.

An einigen Tagen denke ich nach dem Unterricht, dass ich mich tatsächlich prostituiere. Ehrlich gesagt bringt es in den wenigsten Fällen wirklichen Spaß, die Kinder zu unterrichten. Ich beneide die Lehrer, die von Anfang an klare Bedingungen, die auf das Üben abzielen, stellen und bei Nichteinhaltung und Festellung von totaler Motorik-Unfähigkeit den Schüler einfach nicht mehr unterrichten.

Aber ich habe zur Zeit die Funktion eines Klavier-Streetworkers. Wenn aus dem Haufen die zwei Schüler, die es ganz gut können, auch nach der Pubertät noch den Deckel aufmachen und eine Mozartsonate spielen, habe ich einen Dienst an der Basis geleistet.

Das nenne ich dann doch einen bescheidenen Erfolg.